April: Bei der Corona-Krise hinkt die Schweiz hinterher

 

Die Corona-Krise im Zeitraffer:


Per Ende März wurde für die Schweiz – im Vergleich zur Bevölkerung – die höchste Infektionsziffer weltweit ausgewiesen. Wie viele Opfer Corona in der Schweiz fordern wird, ist offen. Im Moment wissen wir nur, dass die „Corona-Krise“ unser Land pro Tag rund 500 Millionen Franken kostet.

So oder so ist also Corona für unser Land eine Katastrophe.

Gemachte Fehler sind von ausserordentlich grosser Tragweite.

 

  1. Dezember 2019

China informiert offiziell die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über das Vorhandensein des Corona-Virus.

 

  1. Januar 2020

Die 11-Millionenstadt Wuhan wird abgeriegelt, das Betreten und Verlassen der Stadt wird völlig untersagt.

 

  1. Januar

Der Corona-Virus kommt in Italien an. Zwei Infizierte werden in Rom getestet.

 

  1. Februar

In der Schweiz müssen noch immer alle Tests per A-Post ans nationale Referenzlabor in Genf gesandt werden. Allein der Postversand nimmt Tage in Anspruch.

 

  1. Februar (Sonntag)

Bis Sonntagabend sind in Italien 150 Personen positiv getestet und die ersten drei Menschen sterben. Fast alle Fälle liegen in der Lombardei und im Veneto. Die Behörden weisen 50‘000 Menschen in elf Gemeinden („rote Zonen“) an, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.

Nationalrat Lorenzo Quadri verlangt als Minimalmassnahme, Temperatur-Scanner einzusetzen (bis heute werden keine solche verwendet). Das Bundesamt lehnt dies mit dem Argument ab, dass so nicht alle Fälle erfasst würden (weil nicht alle Corona-Kranke Fieber hätten).

 

  1. Februar

Erst an diesem Tag führt der Bundesrat seine erste grosse Medienkonferenz durch. Die Frage, wie viele Intensiv-Betten in der Schweiz existieren, konnte von Daniel Koch, dem Leiter der „Abteilung Übertragbare Krankheiten“ des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), an dieser Pressekonferenz nicht be­antwortet werden. Koch vertrat generell die Meinung, Schutzmasken seien nicht nötig.

Das BAG macht die mehr als problematische Aussage, das Corona-Virus sei kaum gefährlicher als eine normale Grippe. Die NZZ schreibt zu allfälligen Grenzkontrollen, dass solche „Nebenmassnahmen  – etwa lange Wartschlangen an der Grenze –in keinem Verhältnis zum erhoff­ten Nutzen stünden“.

 

  1. Februar

Die Schweiz hat ihren ersten Corona-Fall. Das Bundesamt (BAG) meldet, das Risiko für die Bevölke­rung sei „weiterhin moderat“. Nach wie vor überqueren jeden Tag 68‘000 Pendler ohne jede Kon­trolle die Grenze.

 

  1. März

Der Kanton Tessin verfügt in eigener Regie Restriktionen bei öffentlichen Veranstaltungen. Bundes­bern bleibt „bei der Lageanalyse und beim Beobachten“.

 

  1. Februar

Während Österreich Militär einsetzt und Deutschland Quarantäne verhängt, verbietet der Bundesrat jetzt Grossveranstaltungen mit über 1‘000 Personen. Viele Kantone gehen weiter.

Der Leiter der Tessiner Ärztekammer, Franco Denti, fordert dringend Grenzkontrollen.

 

  1. März

Die Testkapazität liegt in der Schweiz bei 1‘000 Test täglich. Noch immer werden die Tests – mit ent­sprechenden Zeitverzögerungen – ans nationale Referenzlabor in Genf geschickt.

 

  1. März

Beginn der Frühjahrssession der Eidgenössischen Räte. Nationalrat Thomas Aeschi fordert eine Ver­schiebung der Session. Der Antrag wird mit 155 zu 13 Stimmen bei acht Enthaltungen abgelehnt.

 

  1. März

Italien schliesst sämtliche Schulen und Universitäten.

 Der Bund gibt lediglich neue Hygieneempfeh­lungen, insbesondere: Abstand halten („social distancing“) und Hände-Waschen.

 

  1. März

Erstes Todes-Opfer. Eine 74-jährige Frau aus dem Kanton Waadt stirbt am Corona-Virus.

  1. März:

BAG gibt weitere Verhaltensempfehlungen. Reisen im öffentlichen Verkehr sollten zu Stosszeiten und bei Husten und Fieber vermieden werden. Empfohlen wird auch Heimarbeit. Ausdrücklich nicht an­gezeigt sei das Tragen von Schutzmasken am Arbeitsplatz.

An der Grenze zu Italien ordnet die Schweiz weiterhin keine Einschränkungen an.

 

  1. März

Wien stellte den Flugverkehr aus Bologna und Mailand ein, zusätzlich zu Flügen aus Südkorea, China, Frankreich, Spanien und dem Iran.

 

  1. März

In Norditalien werden 13 Provinzen in der Emilia-Romagna, Marken, Piemont und Venetien sowie die gesamte Lombardei abgeriegelt und zu „Sperrzonen mit eingeschränkter Mobilität“ erklärt. Betroffen sind 16 Mio. Menschen.

 

  1. März

In der Fragestunde des Nationalrats spricht sich Bundesrat Alain Berset gegen die Schliessung der Tessiner Grenze aus.

 

  1. März

In Italien sind über 10‘000 Menschen mit Corona infiziert, 631 sind gestorben. Neu wird nun auch von Aussenminister Cassis die bisherige Sprachregelung abgelöst. Bisher hiess es, Corona sei „ein lokal begrenzter, norditalienischer Ausbruch“. Neu ist die Sprachregelung, Grenzkontrollen seien nicht nötig, da das Virus ja jetzt bereits in der Schweiz sei.

 

  1. März

Die Tessiner Regierung ruft den Notstand aus. Bundespräsidentin Sommaruga erklärt, der Bundesrat sei täglich in Kontakt mit der Regierung in Bellinzona. Alle Massnahmen würden geprüft. Aber die Grenze nach Italien bleibe vorerst offen.

Deutschland und Frankreich verhängen einen generellen Ausfuhrstopp für medizinische Güter.

Österreich schliesst die Durchfahrt durch den Brenner. Nur Österreicher oder Durchreisende dürfen fortan aus Italien einreisen.

 

  1. März

Die USA verhängen ein Einreiseverbot für Personen aus den Schengen-Staaten, darunter die Schweiz. In Rom landet ein chinesisches Frachtflugzeug mit 31 Tonnen Hilfsgütern. In Italien arbeiten Ärzte und Pfleger zum Teil ohne Gesichtsschutz.

Der SMI hat seit seinem Rekordhoch von 11‘263 mehr als einen Viertel (27 Prozent) eingebüsst.

Der Zürcher Staatsrechtler Felix Uhlmann fordert den Bundesrat zur Ausrufung des nationalen Notstands auf.

 

  1. März

Der Bundesrat verfügt die Schliessung der Schulen. Anlässe mit über 100 Personen werden verbo­ten. In Restaurants dürfen nur max. 50 Personen sein.

An allen Landesgrenzen werden nun doch Grenzkontrollen eingeführt. Einreisen dürfen nur Leute mit Aufenthaltsbewilligung, Transitfahrer und Grenzgänger. Auf Temperaturmessungen wird verzichtet

Der Bundesrat beschliesst Soforthilfe für die Wirtschaft von bis zu 10 Milliarden, wovon 8 Milliarden für Kurzarbeitsentschädigung.

  1. März:

Noch immer fliegen China Airlines und Swiss aus China mit Grossraumflug­zeugen Genf und Zürich an; ohne jeden Gesundheitscheck bei der Einreise am Flughafen.

Und noch immer passieren 68‘000 Grenzgänger täglich die Grenze ins Tessin. Auf Fiebermessen der Einreisenden wird nach wir vor völlig verzichtet.

 

  1. März (Sonntag)

Das BAG meldet eine Verdoppelung der Infektionszahlen im Vergleich zum Vortag.

Neben dem Tessin haben acht weitere Kantone bereits den Notstand verhängt: Restaurants und die meisten Geschäfte müssen schliessen. Deutschland und Österreich führen Kontrollen an der Schwei­zer Grenze ein. Der Zug- und Flugverkehr Österreichs in die Schweiz wird von Österreich eingestellt. Das Bundesamt rät zu weiterem Abwarten.

Die amerikanische Zentralbank FED teilt mit, sie werde den Bestand an Staatsanleihen um mindestens 500 Milliarden und die Hypothekenpapiere um 200 Milliarden aufstocken.

 

  1. März

Der Bundesrat erklärt endlich den Notstand (den „Lockdown“). Läden werden geschlossen. Ausge­nommen sind Poststellen, Banken, Tankstellen, Garagen, ebenso Baustellen und Industriebetriebe. Für Kinder, die nicht privat betreut werden können, müssen die Kantone ein Angebot bereitstellen.

Bis 8‘000 Armeeangehörige sollen im Assistenzdienst die zivilen Behörden und Spitäler unterstützen. Die SBB reduzieren ihr Angebot auf rund die Hälfte.

 

  1. März

Es mangelt an Beatmungsgeräten, schätzungsweise sind 1‘000 bis 1‘200 schweizweit vorhanden (dies, obwohl eine Firma in Bonaduz (GR) jährlich 15‘000 Beatmungsgeräte herstellt).

Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) meldet, es gebe 800 bis 850 Betten mit Beatmungsgeräten. Zudem soll die Armee 140 Beatmungsmaschinen besitzt. Insgesamt sind dies ca. 10 pro 100‘000 Einwohner. Selbst Italien hat mehr, Deutschland rund 2,5 x mehr.

In manchen Arztpraxen fehlt es an Desinfektionsmitteln und Hygienemasken. In Genf läuft die Verteilung über den Ärzteverband. Dieser hat entschieden, dass gewissen Gruppen von Ärzten – Kinderärzte, Onkologen, Hausärzte je 70 Masken zuzuteilen sind, für alle anderen sind 25 vorgesehen Aus „praktischen Gründen“ mussten die Mediziner vom 10. bis zum 13. März persönlich beim Sekretariat vorbeigehen nach alphabetischer Reihenfolge.

Die EU verfügt ein Einreiseverbot für Bürger der meisten Nicht EU-Staaten. Für Ausnahmen (z.B. für Beerdigungen) muss ein Beleg vorgelegt werden. Für die meisten EU-Staaten ist dieses Verbot gar nicht nötig, da die entsprechenden Staaten ein solches Verbot schon eingeführt haben; nicht aber für Schweden und die Schweiz.

 

  1. März

In Italien, Frankreich, Spanien und anderen Ländern darf man das Haus nur noch in Ausnahmefällen verlassen. Das Bundesamt (BAG) verzichtet demgegenüber auf ein Ausgehverbot.

Die Volksabstimmungen vom 17. Mai werden abgesagt (Personenfreizügigkeit).

Der Bundesrat beschliesst die Rationierung gewisser Arzneimittel wegen Hamsterkäufen.

Erstmals seit 1914 verordnet der Bundesrat einen landesweiten Rechtsstillstand für Betreibungsver­fahren.

Die unterschiedliche Meldung von Fallzahlen von Bund und Kantonen stossen auch bei Experten auf grosse Überraschung. Das Bundesamt meldet bis zu 800 Infizierte weniger als die Kantone. Aus den Kantonen erfolgt die Übermittlung der Zahlen teilweise per Fax. Ein 34-jähriger Doktorand schaltet eine private Webseite auf, welche die Angaben der Kantone in Echtzeit zusammenträgt.

 

  1. März

Der Vertreter des Bundesamts, Daniel Koch, macht in der Pressekonferenz die saloppe Bemerkung, dass die Heilungschancen in der Intensivpflege (künstliche Beatmung) „nicht besonders gross“ seien.

Der Tessiner Spitaldirektor Paolo Ferrari schreibt in der NZZ: „Herr Koch vom BAG schützt die Lage im Tessin wohl nicht ganz korrekt ein“.

 

  1. März

Der Bundesrat beschliesst, auf eine generelle Ausgangssperre zu verzichten. Er verbietet aber An­sammlungen von mehr als fünf Personen im öffentlichen Raum.

Die EU-Kommission beschliesst, die Bewilligungspflicht für medizinische Personen (blockiert seit dem 15. März) gegenüber EFTA-Staaten (auch gegenüber der Schweiz) wieder aufzuheben.

Der Bundesrat beschliesst zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen ein umfassendes Massnah­menpaket in der Höhe von zusätzlichen 32 Milliarden Franken. Mit den bereits am 13. März getrof­fenen Massnahmen sollen somit über 40 Milliarden zur Verfügung stehen.

 

  1. März

Die Österreicher stellen den Zugverkehr über den Brenner vollständig ein.

Aus Sicht der Tessiner Regierung reagiert der Bund zu zaghaft. Sie setzt deshalb am Sonntagabend zusätzliche Verschärfungen in Kraft: Alle Privatfirmen müssen den Betrieb einstellen, ausser essen­tielle Bereiche wie Lebensmittel oder Pharma. Baustellen müssen schliessen. Da Bundesamt für Justiz hält die Tessiner Massnahmen für rechtswidrig.

 

  1. März

Die Olympischen Spiele in Tokio werden abgesagt.

Das BAG rät erneut vom Tragen von Schutzmasken ab.

Der bekannte Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger aus Fribourg empfiehlt eine „Durchseuchung der Bevölkerung“: „Es gibt einen Ausweg – geregelte Corona-Ansteckung“.

 

  1. März

Der Bundesrat entscheidet, keine Asylbewerber mehr an andere Dublin Staaten zu überstellen. Freiwillige Ausreisen sind ebenfalls nicht mehr möglich.

Es wird bekannt, dass der frühere Bundesamt-Chef Thomas Zeltner 2018 in einem Gutachten fest­gehalten hat, die Kantone hätten bisher nicht dafür gesorgt, dass die Spitäler eine minimale Reserve an Medikamenten, Medizinprodukten und Labormaterialien lagerten. Er wies damals darauf hin, dass 4‘000 Betten bereit sein müssten, also rund 4 x mehr, als es zu Beginn der Corona-Krise waren.

 

  1. März

Der Bundesrat verlängert bei Zahlungsverzug von Wohnungs-Mietern die Frist für Kündigungen von 30 auf 90 Tage.

Frankreich übt heftige Kritik am Entscheid des Bundesrats, keine Ausgangssperren einzuführen.

 

  1. März

Die Schweiz hat mit 15‘637 Infizierten offiziell die höchsten pro Kopf-Zahlen pro 100'000 Einwohner. Das BAG verzichtet weiterhin auf eine Ausgangssperre.

757‘000 Personen in fast 60‘000 Unternehmen sind für Kurzarbeit angemeldet. Täglich kommen 80‘000 bis 100‘000 neu hinzu.

 

  1. März

Daniel Koch (BAG) erklärt, die Zahl der Corona-Fälle steige zwar linear an, die Situation sei damit aber stabil – ein Widerspruch in sich selbst.

China hat eine Luftbrücke für medizinische Güter nach Paris eingerichtet. Eine erst Ladung mit fünf Millionen Schutzmasken trifft ein.

 

  1. April

Daniel Koch verkündet an der Medienkonferenz des Bundesrats: „Bei den Tests gibt es im Moment keinen Engpass mehr“. Innert zwei Tagen seien 16‘000 Tests durchgeführt worden. Trotzdem gelten die BAG-Richtlinien weiter: Tests werden nur vorgenommen bei der Einlieferung ins Spital oder bei Patienten mit einer schweren Lungenentzündung und bei Kranken aus einer Risikogruppe.

Eine zuverlässige Übersicht der Diagnostikkapazität in der Schweiz fehlt weiterhin.

 

  1. April

In Österreich gilt neu eine Maskenpflicht in Supermärkten. In der Schweiz gibt es noch immer keine Empfehlung zum Maskentragen.

Es wird bekannt, dass im Pandemieplan des Bundes 2018 folgendes festgehalten war: „Hygiene­masken können einerseits bei bereits Infizierten die Ausbreitung der Keime durch Tröpfcheninfektion reduzieren, andererseits gesunde Personen bis zu einem gewissen Grad vor einer Ansteckung schützen. (…) „Auch aus der Erfahrung mit (der Krankheit) Sars im Jahre 2003 und mit einem Influenza-Ausbruch am Genfer Universitätsspital 2012 ergeben sich Hinweise, wonach die Übertragung von Viren durch Hygienemasken eingeschränkt werden kann.

Wären die Empfehlungen des Pandemieplans befolgt worden, hätte es in der Schweiz beim Ausbruch der Corona-Krise mehr ca. 450 Millionen Schutzmasken geben müssen (50 Masken pro Kopf).

 

  1. April

Schwierig wird die Situation vor allem für die ca. 330‘000 Einzelunternehmen / Selbständig-Erwer­benden (Physiotherapeutinnen, Fotografen, Weinhändler, Coiffeure, Taxifahre, Gärtnereien, Putz­personal etc.)

Wegen der grossen Nachfrage verdoppelt der Bundesrat das Volumen der Bürgschaften von 20 auf 40 Milliarden. Insgesamt stehen also mehr als 40 Milliarden zur Verfügung.

Noch immer gibt es keine Gesundheitskontrollen (Temperatur-Scanner) bei den Einreisen am Flughafen oder an der Grenze.

 

 Abgeschlossen am 4. April 2020

 

Nachtrag 3. Mai 2020:

Heute wurde bekannt, dass Roche einen neuen, hoch-wirksamen Test entwickelt habe; "Der Basler Pharmakonzern erhält von der US-Arzneimittelbehörde die Notfallzulassung für ihren Antikörpertest"  Man fragt sich, weshalb die Zulassung in den USA erfolgt ist, nicht in der Schweiz.